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Josef Reinhold (1885 - 1947)
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Eine berühmte
Gestalt des medizinischen Personals Gräfenbergs (Lázné Jeseník) in der ersten Hälfte unseres
Jahrhunderts ist ihr langjähriger leitender Arzt Dr. med und Dr. phil. Josef
Reinhold, durch dessen Verdienst das Kurbad Gräfenberg in der Zeit zwischen
den zwei Weltkriegen einen sehr guten Ruf gewann.
Gräfenberg wurde im 19. Jahrhundert unter der Leitung seines Begründers und
Natur- und Laienarztes Vincenz Priessnitz
(1799 - 1851) in der Tat weltbekannt. Priessnitz behandelte jedoch alle Krankheiten auf eine Art und unkritisch nur mit der Wasserkur, durch Wassertrinken, Bäder, Wickelungen Schwitzen und Duschen, und das ohne Hygieneregeln und -grundlagen. Es ist nicht verwunderlich, dass Gräfenberg nach dem Tode von Priessnitz abzufallen begann, auch wenn sich später eine Reihe der dortigen Ärzte ehrenhaft um eine Anhebung des Niveaus bemühte.
Der Chefarzt Dr. med. und Dr. phil. Josef Reinhold hatte an der Vollendung dieser Bemühungen wie auch an dem Aufblühen und dem Weltruf Gräfenbergs einen bedeutenden Anteil. Da der Name Dr. Reinholds in der wissenschaftlichen Welt berechtigterweise einen guten Ruf erwarb, ist es angezeigt, sein Leben, sein Werk und seine Bedeutung zu betrachten.
Josef Reinhold wurde am 14. Juli 1885 in Stryj im ehemaligen Galizien (heute Ukraine) geboren. Dort ging er in die Grundschule und in das polnische Gymnasium, wo er 1904 die Matura [Abitur] ablegte. Er studierte Philosophie in Göttingen und in Wien, wo er 1908 zum Doktor der Philosophie promovierte. Dann entschied er sich, Medizin zu studieren, was er 1912 in Wien mit einer Promotion beendete. Er wollte sich der Neurologie und Psychiatrie widmen und hospitierte in der neurologischen Klinik von Professor L. Frankl-Hochwarter in Wien. Seine philosophischen Kenntnisse, die für seine spätere Tätigkeit sehr nützlich und wertvoll waren, nutzte er für seine medizinischen Forschungen und er nutzte sie ebenfalls in seinen wissenschaftlichen Mitteilungen. So publizierte er bereits 1911 in der Zeitschrift „Archiv für Philosophie" eine grundlegende Analyse der psychologischen Grundlagen der Erkenntnistheorie Kants. Als junger Arzt bereitete er sich auf seinen zukünftigen Weg als Psychiater sehr grundlegend und zielstrebig an den damals besten klinischen Arbeitsstellen vor. So gewann er in Wien bei Professor Noorden Erfahrungen mit den modernen Ansichten des Stoffwechsels und Kenntnisse der Neurologie und Psychiatrie beim Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg. Sein Interesse an der Behandlung von Geisteskrankheiten ließ er dadurch deutlich werden, dass (was bisher nicht bekannt war) er Besucher der speziellen Psychotherapiekurse beim Begründer dieser Fachrichtung, Sigmund Freuds (1856 - 1939), war.
So ausgerüstet kam er im Jahre 1913 nach Gräfenberg in das Priessnitz-Sanatorium als Assistent beim damaligen Chefarzt Dr. Rudolf Hatschek bereits mit dem festen Plan, sich der Kurbehandlung von Nerven- und Geisteskrankheiten widmen zu wollen, und das auf dem höchstmöglichen Niveau und keineswegs auf der Basis einer sehr häufig nur unwissenschaftlichen Empirie. Weil damals der Hauptbetrieb im Kurbad nur in der Sommerzeit stattfand, widmete er die Wintermonate einer Weiterbildung an ausgewählten Arbeitsstellen, wie z.B. beim bekannten Psychiater Emil Kraepelin (1856 - 1926) in München und beim berühmten Internisten Friedrich Pick (1867 - 1926) in Prag.
Der erste Weltkrieg unterbrach zeitweilig die Pläne Reinholds, auch wenn er das Glück hatte, dass er in seiner Fachrichtung als leitender Arzt einer militärischen Psychiatrieabteilung in Troppau arbeiten konnte. Nach Ende des Krieges kehrte er nach Gräfenberg zurück und wurde nach dem Tode Hatscheks im Jahre 1921 zum Leiter der Priessnitzschen Kuranstalt ernannt. Es wurde hervorgehoben, dass unter seiner Leitung Gräfenberg ein hohes Niveau mit der Fachdiagnostik und den Kurgrundlagen erreicht habe. Reinhold zögerte nicht, die Kuranstalt und ihren Betrieb allseitig zu modernisieren und er stieß auf Verständnis und Erfolg. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass dies in den dreißiger Jahren in höchstem Grade bahnbrechend war, im Objekt einer Kureinrichtung eine guten Röntgenabteilung, Laboratorien u. ä. einzurichten. Der Chefarzt Dr. Reinhold leitete die Gräfenberger Traditionen, die mehr oder weniger unkritisch den allmächtigen Einfluss der Wasserkur auf alle möglichen Krankheiten verkündeten, mit Überlegung dadurch in die richtige Richtung, dass er eine moderne Anstalt einrichtete, die in Übereinstimmung mit dem Fortschreiten der Wissenschaft stand und die zu einem Muster beim analogen Herangehen in anderen Kurbädern, hauptsächlich im Ausland, wurde. Durch das Verdienst von Reinhold wurde Gräfenberg 100 Jahre nach seiner Gründung wieder zu einem berühmten Kurzentrum, beliebt bei Prominenten der Politik-, Kultur- und Wirtschaftswelt nicht nur unseres Landes, sondern vor allem des Auslandes. Eine Reihe origineller wissenschaftlicher Arbeiten aus dem Fachgebiet der Behandlung von Geisteskrankheiten von Reinhold in der Fachpresse der Welt bestätigte seinen Ruf und hob ihn hervor.
Die Bedeutung Reinholds bestätigt außerdem die Tatsache, dass ihn die Redaktion des vielbändigen Werkes „Handbuch der Neurologie" 1931 mit der Bearbeitung eines ausgedehnten Kapitels über die Psychotherapie im 8. Band betraute, dem Band, der der allgemeinen Behandlung neurologischer Krankheiten gewidmet wurde. Ferner bestätigt dies die Tatsache, dass ihm zum 50. Geburtstag 1936 seine wissenschaftlichen Freunde und Schüler eine „Festschrift" überreichten, für die viele führende Vertreter der Psychiatrie in der Welt zwanzig Originalmitteilungen geliefert hatten. Es ist interessant, dass die, mit Ausnahme einer tschechischen Mitteilung, deutsch geschriebene „Festschrift" mit einer tschechischen Einführung und Würdigung versehen wurde.
Der Chefarzt Dr. med. Reinhold war nach allen Informationen ein edelmütiger, ausgeglichener und geduldiger Mensch, streng zu sich selbst und zu seiner Umgebung. Die Medizin und die Philosophie machten aus Dr. Reinhold eine ernsthafte Persönlichkeit. Bei seinen Kranken war er sehr beliebt, niemand verblieb bei ihm ungehört und durch seinen Optimismus hatte er einen positiven Einfluss auf die Kranken. Von der Geburt her ein Pole war er ein Polyglott, beherrschte vollständig 10 Sprachen und war völkisch sehr tolerant. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis, zu Ende seines Lebens beschäftigte er sich mit Mathematik und war ein Liebhaber und Kenner der Kunst des Wortes, der Bildhauerei und der Musik. Er liebte Goethe, Lenau, Shakespeare, Wild, Baudelaire, von den unseren Machar, Halas, Seifert und er rezitierte sie aus dem Gedächtnis. Er liebte über alle Maßen Chopin, Smetana und Vivaldi.
Dr. Reinhold war es jedoch nicht vergönnt, die Zeit nur als Forscher, Arzt und Kunstfreund in einer exklusiven Villa in Gräfenberg glücklich und harmonisch zu verleben, wo ihm seine gebildete Gattin ein überaus schönes Milieu zu schaffen imstande war. Als ihm nach dem Jahre 1938 aus rassischen Gründen Verfolgung und Verlust der Existenz drohte, wurde ihm von seinen wissenschaftlichen Freunden im Ausland im Jahre 1939 die Stelle eines Professors der Psychiatrie in den USA angeboten. Er lehnte jedoch ab und emigrierte nach Polen.
Nach dem fall Polens wurde er in einem Konzentrationslager bei Drahobycz interniert, wo ihm drohte, bei einer riesigen Liquidierung von Häftlingen erschossen zu werden, als sich die sowjetische Armee dem Konzentrationslager näherte. Es gelang ihm mit einer List und verwunderlicher weise mit Hilfe des Kommandanten des Konzentrationslagers unter dramatischen Bedingungen dem Tode zu entgehen. Der Kommandant des Lagers, der in Reinhold eine außergewöhnliche Persönlichkeit erkannte, versprach ihm, dass er nach Möglichkeit alle begrenzten Möglichkeiten nutzen werde, um ihn vor der Hinrichtung zu bewahren. Als Dr. Reinhold mit 1000 weiteren Häftlingen in den nächstliegenden Wald zur Vernichtung durch Erschießen geführt wurde, ging er ausgeglichen und mit der echten Ruhe eines Philosophen, summte den zweiten Satz aus Beethovens 7. Symphonie, wurde jedoch vom Kommandanten des Lagers am Tor bemerkt. Dieser rief instinktiv, als er ihn erkannte, dass dringend ein Arzt für eine erste Hilfe gebraucht würde. Dr. Reinhold trat aus der Kolonne heraus und wurde vom Kommandanten des Lagers in einen Keller des SS-Gebäudes gebracht, wo sich bereits an die 40 ähnlich bewahrte Häftlinge versteckten. Dort lebten diese menschlichen Ruinen bereits eine Reihe von Monaten in der Dunkelheit und bei Hunger unter unvorstellbaren Bedingungen.
Niemand durfte auch nur einen Laut von sich geben, im engen Kellerraum schlief man abwechselnd in Schichten nach Stunden, zwei Frauen gebaren Kinder ohne zu stöhnen, die sofort umgebracht werden mussten, damit sie mit ihrem Weinen nicht das Versteck verrieten. In dieser Danteschen Hölle erwies Dr. Reinhold medizinische Hilfe und seelische Unterstützung, dort lernte er ausführliche Passagen aus Shakespeare auswendig, den ihm dort heimlich der Kommandant des Lagers zu schmuggelte. Und es ist nicht verwunderlich, dass er dort an einem Herzinfarkt erkrankte. Und auch diese Krankheit überwand er und erlebte den Moment, an dem die Rote Armee das Lager befreite. Nach der Erholung von den Strapazen wurde er von der sowjetischen Administration mit der Leitung des Kurortes Truskavec beauftragt und er bemühte sich um dessen weitere Entwicklung.
Im Jahre 1946 kehrte er in die Heimat zurück - die sowjetische Administration stellte ihm einen Eisenbahn-Salonwagen zur Verfügung - und ab dem 1.Februar 1947 übernahm er erneut die Leitung der Priessnitzschen Anstalt in Gräfenberg. Er arbeitete, baute, passte den Betrieb der Anstalt an die modernen Behandlungs- und Gesellschaftsbedingungen an . Seine angeschlagene Gesundheit hielt jedoch die Arbeitsanstrengungen nicht aus und ein wiederholter Herzinfarkt beendete sein wunderbares und reiches Leben am 3. November 1947 mitten in fleißiger Arbeit, weiteren Plänen und inmitten der Freude, dass er in den nächsten Tagen Prag besuchen und dem Konzert eines Werkes von Debussy lauschen würde...
Der Chefarzt Dr. med. und Dr. phil. Josef Reinhold wurde zurecht Arzt-Philosoph und Kenner der menschlichen Seele genannt. Er war eine Persönlichkeit, die in ungeheuerem Maße zur Entwicklung von Lazne Jesenik (Gräfenberg) und ihres wissenschaftlichen Rufes beigetragen hat. Durch seine zielgerichtete Arbeit erreichte er eine harmonische Verbindung von theoretischen Bemühungen und praktischen Arztaufgaben zum Nutzen der Kranken und zum Qualifizierung des Arbeitsplatzes, den er über alles liebte. Es wäre ein Fehler, sich nicht daran zu erinnern, dass er eine gute wissenschaftliche Schule begründete, auch wenn seine Schüler dann verstreut über die Welt wirkten. Und es ist schließlich notwendig, besonders festzustellen, dass der Chefarzt Dr. J. Reinhold völlig in unserer Umwelt aufging und sich überall als ein Angehöriger unseres Landes ausgab, das für ihn zu seiner zweiten Heimat wurde. Er zeigte dies unter anderem durch die wiederholte Ablehnung der Möglichkeit unter sehr günstigen Bedingungen im Ausland zu arbeiten.
Wir reihen daher Dr. med. und Dr. phil. Josef Reinhold unter unsere bedeutenden Persönlichkeiten ein und äußern zugleich den Wunsch, dass diese kurze Mitteilung in Form eines kleinen Gedenkens seine Person und seine Bedeutung widerspiegeln möge und nicht zulasse, dass sein Leben und seine Arbeit, und vor allem seine Verdienste um den Aufschwung von Lazne jesenik - Gräfenberg in Vergessenheit geraten. |


















